Sicherlich ein spannender Einstieg in Dan Browns neuen Bestseller "The Lost Symbol" (deutsch: "Das
Verlorene Symbol", ab dem 14.10.09, Lübbe Verlag) – doch wie viel Wahrheit steckt dahinter?
Experten dürfte schnell klar werden: Dan Brown nimmt es mit den verschiedenen
Erscheinungsformen der Freimaurerei nicht sehr genau und mischt Begriffe und Orte der
symbolischen Freimaurerei mit Hochgraden des sogenannten "Alten Angenommenen Schottischen
Ritus". Dieses besondere System mit seinen Außenstehenden oft mystisch anmutenden 33 Graden
ist auch für einen Autor wie Dan Brown sicherlich viel zu verführerisch, um es nicht zum Hintergrund
eines Verschwörungs-Krimis zu machen.
Brown bietet zwar die ganze Geschichte über kleine Einblicke in Symbolik und auch in das
zeremonielle Brauchtum der Freimaurerei. Allerdings ohne dabei ein wirklich zusammenhängendes
Bild zu liefern. An einigen Stellen geht der Autor sogar sehr detailliert auf das Ritual ein, wenn sich
bspw. der Antagonist der Geschichte an seinen Aufstieg durch die "Grade" erinnert, bei dem er auch
stets unerlaubterweise eine versteckte Kamera mit sich führte. Da werden dann auch schon mal
ganze Sätze aus dem rituellen Ablauf zitiert, beschrieben wie der neu aufzunehmende Kandidat
gekleidet ist und auch der sog. "Alte Eid" erwähnt. Was Brown allerdings nicht erwähnt (und das ist
für einen Romanautor eigentlich auch nicht erforderlich): Das den Ausführungen zugrunde liegende
Ritual ist höchstwahrscheinlich das "Cerneau–Blanchard–Ritual", das von Reverend Jonathan
Blanchard in seinem Buch "Scottish Rite Freemasonry Illustrated" von 1887/88 beschrieben wurde.
Der "Cerneau Ritus" war für seine teilweise ungewöhnlichen und zuweilen auch gruselig anmutenden
Rituale bekannt und nie Teil der anerkannten bzw. offiziellen Freimaurerei. Unter solch frei
erfundenen und oft zum Zwecke der Eigen-PR veröffentlichten Ritualen leiden traditionelle Logen
noch heute. "Freimaurerei" und "Loge" sind keine geschützten Begriffe, was zahlreiche
selbsternannte Freimaurer auszunutzen wussten. Es kursieren bis heute viele frei erfundene und
angeblich freimaurerische Riten, die mit der Realität der regulären Freimaurerei nichts zu tun haben.
Das leider auch heute noch Autoren auf solche Beschreibungen zurückgreifen, führt zweifelsohne in
der Öffentlichkeit zu einem Zerrbild. Auch Dan Brown wird es wohl nicht besser gewusst haben.
Immerhin hat die Recherche der Großloge von Österreich ergeben, dass der US-Autor offenbar
keinesfalls Bruder einer anerkannten amerikanischen Loge ist. Deshalb war man umso erstaunter,
dass Brown dennoch mit seinem neuen Roman – trotz düsterer Ritualschilderungen – eigentlich eine
heimliche Liebeserklärung an die Freimaurerei vorgelegt hat.
So räumt Browns Protagonist Dr. Robert Langdon mit einigen verbreiteten Verschwörungstheorien
auf, die sich um die Freimaurerei ranken: Angeblich verborgene Symbole auf der Stadtkarte
Washingtons, satanistische Praktiken, Weltherrschaftsgelüste und Geheimniskrämerei:
Langdon zuckte mit den Schultern. „Vielleicht sollten Sie den Freimaurern (...) beitreten, um es aus
erster Hand zu erfahren.“ „Wie denn?“, meinte ein junger Mann. „Die Freimaurer sind eine
supergeheime Gesellschaft.“ „Supergeheim? Tatsächlich? (...) Warum tragen Freimaurer dann für
jedermann sichtbar Ringe, Krawatten- oder Anstecknadeln? Warum sind die Gebäude von
Freimaurern so deutlich gekennzeichnet? Warum steht es im Internet und in der Zeitung, wann ihre
Zusammenkünfte stattfinden?“ Langdon lächelte, als er die verwirrten Gesichter sah. „Die Freimaurer
sind keine Geheimgesellschaft, sondern eine Gesellschaft mit Geheimnissen.“
„Das ist dasselbe“, meinte jemand. „Wirklich? Würden Sie die Coca-Cola Company als
Geheimgesellschaft bezeichnen?“ „Natürlich nicht“, erwiderte der Student. „Nun, was würde wohl
passieren, wenn Sie zum Hauptsitz des Unternehmens gehen, an die Tür klopfen und nach dem
Rezept für Coca-Cola fragen?“
Dr. Langdon zeichnet in seinen "Vorlesungen" eigentlich ein sehr realistisches und positives Bild von
der heutigen Freimaurerei, von Tugendhaftigkeit, dem Sinn für Symbolismus und Spiritualität und
sozialem Engagement:
"Können Sie mir die drei Voraussetzungen nennen, die es braucht, um aus einer Ideologie eine
Religion zu formen?“ „VGB“, meldete eine Frau sich zu Wort „Versprechen, glauben, bekehren.“
„Richtig“, bestätigte Langdon. „Religionen versprechen Erlösung, glauben an eine ausgefeilte Lehre
und bekehren Ungläubige.“ Er hielt inne. „Nichts davon trifft auf die Freimaurerei zu. Freimaurer
versprechen keine Erlösung; sie besitzen keine bestimmte Glaubenslehre und versuchen auch nicht,
Menschen zu konvertieren. Um genau zu sein: Diskussionen über Religion sind innerhalb der Logen
verboten.“ „Die Freimaurerei wendet sich gegen die Religion?“ „Im Gegenteil. Eine der
Voraussetzungen, Freimaurer zu werden, ist der Glaube an eine höhere Macht. Freimaurerische
Spiritualität unterscheidet sich von der institutionalisierter Religionen insofern, als Freimaurer diese
höhere Macht nicht näher definieren und ihr keinen Namen geben. Statt ihr eine definitive
theologische Identität wie Gott, Allah, Buddha oder Jesus zu verleihen, benutzen die Freimaurer eher
allgemeine Begriffe wie ‚Oberstes Wesen’ oder ‚Allmächtiger Baumeister aller Welten’. Deshalb
können Freimaurer unterschiedlichster Religionszugehörigkeit zusammenkommen.“ „Hört sich ein
bisschen weit hergeholt an“, sagte jemand. „Oder einfach nur erfrischend aufgeschlossen?“, bot
Langdon an. „In einem Zeitalter, in dem sich die unterschiedlichsten Völker gegenseitig umbringen,
weil sie darüber streiten, wessen Definition von Gott die bessere ist, könnte man sagen, dass die
Tradition der Toleranz und Aufgeschlossenheit, wie sie von den Freimaurern propagiert wird, eher
empfehlenswert ist.“ Langdon ging auf dem Podium auf und ab. „Außerdem steht die Freimaurerei
Menschen sämtlicher Rassen, Hautfarben und Glaubensrichtungen offen. Die Freimaurer sind eine
spirituelle Bruderschaft, die keine Diskriminierung kennt.“
Die Ausführungen des Protagonisten lesen sich streckenweise wie einer Werbebroschüre der US-
Freimaurerei entnommen. Dabei schreibt Brown den Brüdern bspw. ein profundes Wissen über
Geschichte, Symbolik und Philosophie zu. Einem Bild, dem wohl leider nicht alle Brüder in gleicher
Weise entsprechen können. Die von Brown am häufigsten herangezogene Darstellung ist aber die
eines gut situierten, einflussreichen Freimaurers. Namentlich erwähnt sind neben einigen
tatsächlichen ehemaligen Präsidenten auch fiktive Figuren: Peter Solomon, Freund und Gönner
Robert Langdons und Direktor des "Smithonian Instituts", Warren Bellamy, der administrative Leiter
des Kapitols und Colin Galloway, der alte und blinde Dekan der Washington National Cathedral. Zu
dieser Aufzählung gesellen sich noch erfundene Senatoren, Richter des Höchsten Gerichtshofes, der
Sprecher des Repräsentantenhauses, der Verteidigungsminister, der Minister für Homeland Security
und der Direktor des CIA. Natürlich alle im "33. Grad". Der Antagonist der Geschichte ist mit seiner
vorgegebenen Identität und durch eine immense Spende innerhalb kürzester Zeit in diesen
erlesenen Kreis aufgenommen worden.
Dan Brown führt den Leser auch in die Geheimnisse der freimaurerischen "Winkelschrift" ein und
liefert gleich einen passenden Schlüssel dazu. Leider gibt es verschiedene, je nachdem wie man die
Buchstaben im "Gitter" verteilt. Und da es sich bei dieser Form der Kryptologie um eine reine
Ersetzungs-Schrift handelt, kann sie ohnehin von jedem geknackt werden, der sich für Logikrätsel
interessiert. Trotzdem ist diese "Enthüllung" wohl das "Verräterischste", was sich Dan Brown in
seinem Roman leistet. |
Zusammenfassend kann man sagen, dass Dan Brown nicht viel mehr aufdeckt, als die Freimaurer
ohnehin selbst bereits in ihrer rund dreihundertjährigen Geschichte von sich preisgeben haben. Die
kurzen Einblicke ins Ritual, sind eine (durchaus unterhaltsame) Mischung aus viel Fiktion, wenigen
realen Details und alten Ritualen der irregulären Freimaurerei. Wer sich hierdurch angezogen einer
deutschen Loge nähert, wird sicherlich schnell enttäuscht werden. Die sonstige Beschreibung der
Freimaurerei ist allerdings durchweg positiv und entspricht weitestgehend der Realität, wirkt aber
teilweise ein wenig gestelzt und künstlich in die Geschichte eingearbeitet, ohne dass es diese wirklich
voran bringen würde. Es scheint fast, als habe Dan Brown eine Wette angenommen, dass er es nicht
schaffen werde, den kompletten Text einer Freimaurer-Infobroschüre in seinen Roman einzuarbeiten.
Er dürfte die Wette gewonnen haben.
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