Immer wieder hört man von einem freimaurerischen Geheimnis. Wie verhält es sich damit?

Das Geheimnis der Logen ist nicht materieller Art, sondern gelebte Tugend. Diese kann erlebt, erschaut und geübt, aber nicht gelehrt und übertragen werden. Ihr Inhalt ist nicht fixierbar; denn das Wissen vom menschlichen Sein ist im ewigen Fluß.

Wenn die Freimaurerei kein Geheimbund ist, warum werden dann von seinen Mitgliedern Verschwiegenheitsverpflichtungen verlangt?

In den Steinmetzbruderschaften des Mittelalters war die Kenntnis von Zeichen und Paßwort ein streng gehütetes Geheimnis. Für den in der Regel des Lesens und Schreibens Unkundigen hing die Höhe des Lohnes davon ab. Heute besitzen derartige Kenntnisse selbstverständlich nur noch symbolischen Wert. Wenn ihre Bewahrung dennoch jedem Freimaurer zur Pflicht gemacht wird, geschieht das aus pädagogischen Gründen, als Übung zur Verschwiegenheit und Selbstbeherrschung. Die Kunst des Schweigens, in unserer Zeit vielfach verlernt, fördert die Besinnung und die Fähigkeit wieder zuhören zu können. Ihr Erwerb gehört zur Vervollkommnung, ohne sie kann es kein Vertrauen geben. Mit anderen Worten: Schwätzer sind bei uns fehl am Platz.

Ist das Erlebnis einer Bruderschaft für die Freimaurerei als tragender Grund ausreichend? Verläßt sich damit in der Loge der einzelne nur auf Menschen einer Gemeinschaft?

Seit Bestehen der Freimaurerei haben viele Millionen Brüder in aller Welt dieses "Geheimnis" als wertvollen Schatz gehütet und ihn von Generation zu Generation weitergegeben. Die aus Vertrauen, Brüderlichkeit, Duldsamkeit erwachsene Hinwendung zum Du des anderen, des Andersdenkenden, bedeutet kein einfaches Verlassen auf eine Gemeinschaft von Menschen. Das gemeinsame Erlebnis macht das Geheimnis aus.