Ein Beitrag von Wolfgang Böhm.

I. Allgemeines

Eine Ausarbeitung über den Begriff der Toleranz zu verfassen, mutet auf den ersten Blick wie eine Einladung zum Plagiatentum an, da dieses Thema bereits in unzähligen Variationen abgehandelt wurde.
Nach näherem Hinschauen stellt man jedoch fest, daß es wohl nicht darum geht, eine philosophische Exegese des Begriffes Toleranz vorzunehmen, sondern darum, darzulegen, wie die Freimaurerei das Wesen der Toleranz für sich selbst auffaßt und umsetzt.

II. Begriffsbestimmung

Der Begriff "Toleranz" wurde im 16.Jahrhundert in der Bedeutung von "dulden" bzw. "gewähren lassen" dem lateinischen Wort "tolerare" entlehnt. Somit kann man den Begriff der Toleranz mit "Duldsamkeit gegenüber abweichenden Überzeugungen" definieren, siehe Riepling, 1982.
Aus dieser schlichten Definition ist der jedoch noch etwas anderes ableitbar : das lateinische Wort "tolerare" bedeutet nämlich auch "ertragen". Denkt man an dieser Stelle weiter, so stellt man fest, daß man jedoch nur etwas ertragen muß, wenn dieses, was man ertragen soll, auch in irgendeiner Form einen selbst belastet.
Eine Aufwertung des Begriffes Toleranz ergibt sich, wenn man das Wort "tolerare" nicht mit dem Begriff ertragen übersetzt, sondern bereits einen Schritt weiter geht und eine Definition im Sinne von "dulden" anzieht.

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Etwas dulden bzw. ertragen kann man nun aber auch im Sinne von "sich in die Umstände fügen" verstehen - was dann in die Gleichgültigkeit einmündet - , jedoch auch als ein ertragen bzw. dulden von Umständen, die nicht zwanghaft auf einem lasten. Das "sich fügen in die Umstände", also einem äußeren Druck nachzugeben, kann man nach meiner Überzeugung nicht als Toleranz bezeichnen.
Wenn einem eine Angelegenheit nicht interessiert und man ihr weitgehend gleichgültig gegenübersteht, so ist es leicht - da man ja keine innere Anteilnahme hat - die Sachen so laufen zu lassen, wie sie zur Zeit opportun erscheinen. Mit dem Begriff und dem Wesen der Toleranz hat dies jedoch nicht zu tun; vielmehr gelten hier die Begriffe Opportunismus und Gleichgültigkeit.
Die Ausübung von Toleranz setzt unabdingbar voraus, daß ein Lebensumstand oder ähnliches akzeptiert, ertragen bzw. geduldet wird, ohne das derjenige, der dies tolerieren soll, dazu durch einen inneren oder äußeren Umstand dazu genötigt bzw. gezwungen wird. Erst dieses Verhalten ist als Toleranz im eigentlichen Sinne zu verstehen.
Tolerant im eigentlichen und echtem Sinne kann folglich nur derjenige sein bzw. handeln, der subjektiv in seiner Entscheidung über einen Lebensumstand frei ist, dem dieser Lebensumstand nicht gleichgültig ist und der bereit ist, in seinen bisherigen Lebensgewohnheiten und -einstellungen zumindestens teilweise Abstriche bzw. Konzessionen zu machen.
Mit dem vielzitierten Wort von Voltaire hat man den Begriff der Toleranz wohl am besten umschrieben : " Ich teile ihre Ansicht zwar nicht, ich werde mich aber stets dafür einsetzen, daß sie diese ungehindert äußern dürfen."

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III. Toleranz als Freimaurer

Das freimaurerische Menschenverständnis, welches ja die Grundlage für die freimaurerische Ausdeutung und Anwendung des Begriffes der Toleranz bedeutet, hat als Grundlage verschiedene freimaurerische Begriffe, die sich in zwei Gruppen teilen lassen. Zum einen sind das die initiatischen Begriffe und zum anderen die profanen Begriffe.
Begriffe, deren Bedeutung nur Freimaurern verständlich sind, heißen initiatisch, während Begriffe, unter denen sich jeder Mensch etwas vorstellen kann und die für ihn eine gewisse - aus dem Alltag abgeleitete - Definitionsbreite haben, profan genannt werden.
Das freimaurerische Menschenverständnis und damit die freimaurerische Ethik setzt sich sowohl aus den initiatischen als auch aus den profanen Begriffen zusammen : Zu den profanen Begriffen gehören als grundlegende Begriffe unter anderem die Begriffe Freiheit, Toleranz und Brüderlichkeit.
Der Begriff der Toleranz steht in engem Zusammenhang mit dem Begriff der Freiheit; eine erste systematische Behandlung des Begriffes der Toleranz verdanken wir dem englischen Philosophen John Locke, dessen Gedanken vom englischen Philosophen Mills aufgenommen wurden.
John Locke leitet den Begriff der Toleranz als Inkarnation seiner Forderung des Schutzes der menschlichen Freiheit gegenüber Staat und Kirche ab; Mills verlangt dagegen, daß das Prinzip der Toleranz nicht nur auf dem Gebiet der Politik sondern auch auf dem Gebiet der Moral Geltung haben müsse.
Nach heutigen Gesichtspunkten können zwei verschiedene Grundbedeutungen des Toleranzprinzips formuliert werden, siehe - Juliano di Bernardo in "die Freimaurer und ihr Menschenbild" :

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1. Toleranz bedeutet eine Haltung , die auch wenn sie eine Meinung oder Handlungsweise im Prinzip ablehnt, sie doch toleriert aus Respekt vor der Freiheit des Anderen.

2. Toleranz bedeutet eine indifferente Haltung jeder anderen Meinung oder Handlungsweise gegenüber, wobei keine Ansicht geteilt werden muß und lediglich die Verpflichtung zu einer liberalen Einstellung besteht. In diesem Fall kann Indifferenz Agnostizismus bedeuten, daß heißt, das ein Wissen in der betreffenden Frage für unmöglich gehalten wird.

Es braucht wohl nicht weiter betont werden, daß sich die Freimaurerei zur ersten Variante der Definition des Begriffes der Toleranz bekennt, die ich an dieser Stelle nochmal wiederhole: "Toleranz bedeutet eine Haltung , die auch wenn sie eine Meinung oder Handlungsweise im Prinzip ablehnt, sie doch toleriert aus Respekt vor der Freiheit des anderen."

IV. Verhalten im profanen Leben

Toleranz hat natürlich auch seine Grenzen. Wo diese liegen, kann nur im Einzelfall entschieden werden; grundsätzlich kann jedoch gesagt werden, daß das Ertragen bzw. Dulden von unerträglichen Lebensumständen oder Lebensumständen, die den Anderen in seiner Freiheit und Würde als Menschen einschränken, nicht mehr unter den Brgriff Toleranz fallen.
Reiche formuliert in seiner Schrift "Psychologie der Massen" , 1932 den Begriff der "repressiven Toleranz". Dies soll bedeuten, daß gerade dann, wenn die Duldung von Lebensumständen - bei Reiche als Politikum verstanden - , die den Anderen unterdrücken, eine Duldung - also die Ausübung von Toleranz - gegenüber einem selbst eine letztlich unterdrückende Funktion hat.

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Es kann also nicht angehen, daß man intolerante Lebensgrundsätze eines Anderen bzw. Handlungsweisen eines Anderen unter der Maßgabe duldet, daß sie einen ja nicht unmittelbar selbst betreffen. An dieser Stelle hat die Toleranz ein Ende; es muß von jedem Freimaurer eine intolerante Geisteshaltung und Handlungsweise an jeder Stelle bekämpft werden.
Nun muß deshalb nicht jeder Freimaurer mit missionarischem Eifer und vor sich her flatternder Weltverbesserungsfahne mit Märtyrertendenzen auftreten und handeln; jedoch sollte jeder Bruder dort sein freimaurerisches Veto einlegen, wo in seinem Lebensumfeld intolerante oder dogmatische Auffassungen und Handlungsweisen auftreten.

© 1997 Wolfgang Böhm