Die Freimaurer im neuen Jahrtausend - Chance und VerpflichtungVortrag beim Travemünder WochenendgesprächskreisDas ist ein Thema, über das man nicht nur ein ganzes Seminar, sondern eine Vorlesungsreihe halten könnte. Zwangsläufig erlauben Sie mir, unvollständig, einige Grundtatsachen zu erwähnen und dann darauf aufbauend die Rolle und die Chance der Königlichen Kunst darzustellen. Prämissen:
Gelassene Katastrophenstimmung Immer dann wenn ein rundes Jahrhundert ansteht oder sich gar ein Jahrtausend dem Ende zuneigt hat die Zukunft Konjunktur, schreibt Paul Noack in der FAZ. Beweis ist die heutige Tagung. Vor zehn Jahren noch hat man das Leben für so schön befunden, daß man im Zeichen ewiger Demokratie die Zukunft der Geschichte eingefroren hat. Jetzt stehen wir vor einer ganz anderen Situation: Wir haben nicht einen einzigen geistigen Anstoß - es sind ihrer zu viele, als daß sich einer allein durchsetzen könnte. Keinem von ihnen traut man die Kraft zu, sich gegen die vielen anderen zu behaupten. Das gilt für das "Autoritäre Zeitalter" Ralf Dahrendorfs ebenso wie für das "Neue Mittelalter" Alain Mincs, den "Krieg der Kulturen" Samuel Huntingtons oder den Traum von der "Informationsgesellschaft" nicht nur eines Bill Gates. Weil man jeden der fragmentierten Weltentwürfe so mißtrauisch beäugt, ist man ja überzeugt, daß es keiner von ihnen schaffen wird. Wir haben es mit Projektionen vom schwärzesten Pessimismus bis zum rosigsten Optimismus zu tun. Das hat es in anderen Jahrhunderten auch schon gegeben. Das Neue besteht vielmehr darin, daß sich in jedem einzelnen von uns die Hoffnung auf das Neue und der Schrecken vor dem Neuen auf eine wundersame Weise mischen. Hans Magnus Enzensberger hat vor zehn Jahren sein Erstaunen darüber bekundet, daß Menschen in zwei Dimensionen der Zeit zugleich leben können. "Der gleiche Mensch, der davon überzeugt ist, daß eine weltweite Katastrophe unmittelbar bevorsteht, schließt, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Lebensversicherung auf dreißig Jahre ab." Das maliziöse Erstaunen von gestern über das Leben in scheinbaren Unvereinbarkeiten ist das Normalverhalten von heute. Einmalig sind nicht die Herausforderungen, denen wir uns zu stellen haben. Die Versprechungen der Informationsgesellschaft gehören ebenso zu unseren existentiellen Requisiten wie die Möglichkeit der Selbstzerstörung des Menschen durch den Menschen. Einmalig ist die Gottergebenheit ohne Glauben, mit der wir Zeitgenossen die Orientierungslosigkeit der anderen ebenso auf uns nehmen wie die eigene. Hoffnung und Verzweiflung koexistieren auf eine vertrackte Art. Der eher zufällige Zusammenbruch eines feindlichen Weltreiches wird mit Gelassenheit zur Kenntnis genommen genauso wie die, Globalismus genannten, Sekundärfolgen einer Epoche. Eines ist klar: Die europäische Massenarbeitslosigkeit ist die Folge der Informations-Revolution, verursacht durch die Apparate einer "neuen Aufklärung". Aber kaum ein Seufzer der Erniedrigten wird hörbar, nicht einmal ein Stoßseufzer der Überraschung angesichts der Unfähigkeit derer, die man gewählt hatte, damit alles zum Besten sich werde. Die unfaßbare Gefaßtheit, mit der wir uns ins dritte Jahrtausend hineinbewegen, könnte man als einen späten Beweis dafür interpretieren, daß wir mit mehr als hundertjähriger Verzögerung die Worte Jacob Burckhardts, des alten Pessimisten, aufgenommen haben: "So wenig wie im Leben des einzelnen ist es für das Leben der Menschheit wünschenswert, die Zukunft zu wissen". Das Paradoxe an dem, was wir an Zukunftsdeutung in uns aufnehmen ist, daß der Reichtum an Denkansätzen nicht bereichert. Er bestätigt uns nur in einer einzigen Gewißheit: daß es so nicht weitergehen wird. Wie es aber weitergehen wird, kann uns niemand vermitteln. Diese ungewisse Gewißheit scheint aber nicht zu stören. Falls Meinhard Miegel mit seiner unbezahlbar einfachen Erkenntnis recht hat, daß die Dinge so sind, wie sie sind, weil wir so sind, wie wir sind, dann ist auch kein neues Land in Sicht. Es gibt derzeit nur eine einzige Gewißheit, in die alles andere einmündet: Was immer sich verändert - es wird nicht das Wirtschaftssystem sein, in dem wir leben. Doch zugleich lassen wir nicht ab von unserem Drängen, daß etwas geschehen müsse. Was vor einem knappen Jahrzehnt als eine "neue Wertordnung" mit dem unüberhörbaren Ton der Verheißung ausgerufen worden ist, hat sich zwar heute zur "Globalisierung" verdichtet. Zugleich aber hat sich herausgestellt, daß sie nicht nur Gewinner kennt. Niemand spricht mehr von "Ordnung". Der Globalismus, von dem heute die Rede ist, kennt zwar keine Grenzen, aber er kennt auch keine Gliederung mehr. Die wäre nicht nur deshalb notwendig, damit er sich "in Ordnung" entfalten kann, sondern auch deshalb, damit er nach menschlichem Maß beherrschbar bleibt. So wird er zum Selbstläufer. Die internationalen Finanzmärkte beginnen selbst denen Angst zu machen, die von ihnen profitieren. Es sind die Größenordnungen, die beängstigen, nicht die Prinzipien. Beängstigend ist freilich, wenn die Allianz von Orientierungslosigkeit und Informationsüberangebot sich anschickt, die Herrschaft über die Erde zu übernehmen. Der Bürger zieht aus seiner Überinformation keinen Gewinn mehr. (Das beste Versteck ist in der Menge, der beste Datenschutz ist die Daten in einer Überfülle zu vergraben).Was ihm - subjektiv wie objektiv - not täte, wäre ein Informationsregulator, der seinen Überfluß an Information auf deren Gebrauchswert zurechtstutzte. Doch das ist nicht Zukunft, das ist ein Zukunftstraum. Denn die größte aller Wachstumsindustrien ist darauf angelegt, jede Reduzierung dieser Art zunichte zu machen. Solange das so bleibt, ist der Informationskonsument auch großen Stils in den wichtigsten Entscheidungsfragen gezwungen, sich mit den Resten des ihm verbliebenen gesunden Menschenverstandes in seiner Zukunft zu orientieren. Früher entwickelte sich auf der Basis des Staunens eine neue Wirklichkeit. Früher war Empörung der angemessene innere Zustand, um eine Änderung der äußeren Zustände herbeizuführen. Nicht-Einverständnis wandelt sich normalerweise vom Zustand des Protestes in den der Revolte. Heute ist eine elegische Abwehrhaltung das Äußerste an Nonkonformismus. Langeweile lautet die Diagnose.
Ethos ist nicht altmodisch Prof. Hans Küng, ist em. Professor für ökumenische Theologie in Tübingen. Er schreibt in der Wochenzeitung DIE ZEIT. In einem Beitrag zu den Menschenpflichten meint er, daß eine nüchterne Gegenwartsdiagnose zu dem Schluß führe, die radikale Industrialisierung, die beschleunigte Säkularisierung und die ideologische Pluralisierung unserer westlichen Gesellschaft bringe auch Chancen, nicht nur Risiken und Gefährdungen. Die Frage, was die Gesellschaft zusammenhalte habe sich in der Nachmoderne verschärft. Der freiheitlich säkulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann, ohne seine Freiheitlichkeit in Frage zu stellen. Was also wird die Gesellschaft der sog. Nachmoderne, unsere Gesellschaft und die Gesellschaft unserer Kinder, zusammenhalten? Sicher nicht der religiöse Fundamentalismus. Aber auch nicht der Beliebigkeitspluralismus, der uns Indifferenz, Konsum und Hedonismus als moderne Zukunftsversion verkaufen möchte. Wir müssen nach einem gesellschaftlichem Grundkonsens suchen. Gemeinsame Werte und Maßstäbe, autonome Selbstverwirklichung (nicht Einsamkeit), solidarische Verantwortung, gemeinsame Rechte und Pflichten müssen uns wieder verbinden. Also keine Angst vor dem Ethos, postuliert Küng, einem Ethos, das von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen getragen werden könnte. Allerdings, es gibt keine Rechte ohne Pflichten. Das ist nicht neu, wird aber gerne vergessen. Das französische Revolutionsparlament kam in der Menschenrechtsdebatte 1789 zu dem Schluß, wenn man eine Deklaration der Rechte des Menschen proklamiere, so müsse man damit eine Deklaration der Pflichten des Menschen verbinden. Wenn dies nicht verbunden werde, hätten alle Menschen nur Rechte, die sie gegeneinander ausspielten, aber niemand würde mehr die Pflichten kennen, ohne welche diese Rechte nicht funktionieren, nicht funktionieren können. Über 200 Jahre danach scheinen wir in einer Gesellschaft zu leben, in der Einzelne oder Gruppen, ohne für sich irgendwelche Pflichten zu erkennen, schamlos ihre Rechte gegen die Rechte anderer geltend machen. Besonders in Deutschland wurde der Begriff der Pflicht von totalitären, autoritären und hierarchischen Ideologien, unverschämt, unsittlich und unverfroren mißbraucht. So lassen sich Ängste vor dem autoritären Staat verstehen, das Worte Pflicht politisch und psychologisch ins Tabu gestellt haben. Doch Mißbrauch sollte uns nicht daran hindern einen Begriff positiv aufzunehmen, der seit Cicero eine lange Geschichte hat und durch Kant zu einem Schlüsselbegriff der Moderne wurde. Keine Angst also vor dem Ethos: Pflicht zwingt nicht aber drängt moralisch. Moral läßt sich nicht verordnen. Deshalb ist die Selbstverpflichtung unerläßlich. Die Demokratie ist auf einen Werte- Normen- und Pflichtenkonsens angewiesen, denn sie kann diesen weder schaffen noch verordnen. Das ist auch nicht Aufgabe der Politik. Die Engländer haben drei Worte für den Begriff Pflicht:
Nur unzureichend übersetzt wird das mit Pflicht, Verpflichtung und Verantwortlichkeit. Alle Rechte implizieren Pflichten, aber nicht alle Pflichten folgen aus Rechten. Menschen haben fundamentale Rechte. Ihnen entsprechen rechtliche Pflichten des Staates, wie der einzelnen Bürger, diese Rechte zu achten und zu schützen. Das (äußerliche) gesetzmäßige Verhalten ist zugänglich, das Recht einklagbar und zur Not durchsetzbar: "in Namen des Gesetzes". Gleichzeitig haben wir Pflichten, die nicht in irgendwelchen Rechten gründen. Das sind die rechtlich nicht fest zu schreibenden Begriffe wie Ethos, Sitte, Gewissen. Die moralische gute Gesinnung ist nicht einklagbar, ja kaum nachprüfbar: "die Gedanken sind frei". Wo Recht und Ethos nicht in direkter Verbindung stehen, funktioniert Beides nicht, am allerwenigsten das Recht. Bauen wir also kein falschen Fronten und keine Gegensätze zwischen Recht und Pflicht, zwischen Freiheits- und Gemeinschaftsethos auf. Richtig verstanden, als Auftrag, als Selbstverpflichtung, befreit Ethos dazu, wahrhaft menschlich zu sein und zu bleiben.
Einsamkeit in der modernen Gesellschaft "Einsamkeit ist ein Millionenschicksal", zu diesem Ergebnis kommt IMAS, die Gesellschaft für internationale Marktanalysen. "Die meisten Erwachsenen kommen täglich mit höchstens zehn anderen Personen ins Gespräch". Sagen Sie nun nicht, das beträfe Sie nicht, verehrte Anwesende, es heißt "kommen ins Gespräch", dazu gehört ja nun nicht allein der kurze Gruß auf der Straße oder an der Kasse des Supermarkts. Angesichts einer vom Konsum übersättigten Gesellschaft die sich von der Leistungsgesellschaft zur Erlebnisgesellschaft gewandelt hat, zeugt diese Zahl von einem großen unerfülltem Vorrat an Sehnsucht, an mehr Mitmenschlichkeit und Gemeinsamkeit. Die Soziologen beschreiben dies als Massengesellschaft. Die Gemeinschaftstrukturen sind zerbröckelt, die Großfamilie gibt es nicht mehr oder nur vereinzelt. Es fehlt an Orten, wo sich die Menschen begegnen können. Robert Jungk meint, daß der Weg in die soziale Isolation durch Schneckenhäuser aller Art erleichtert wird. Die moderne Gesellschaft stellt diese Schneckenhäuser bereit, Rückzug in die eigenen vier Wände, Ersatzhandlung Fernsehen. Mit dem Fernseher sehe ich nicht in die Welt, mit dem Fernseher, so sehr ich persönlich das Medium schätze, beschränken wir uns auf einen Guckkasten ohne Interaktivität. Telefonieren ist da kommunikativer! Die Anonymität der Massengesellschaft erlaubt dem Einzelnen Freiheiten und Fluchten. Der Preis ist die soziale Einsamkeit. Massenkultur fördert den Trend zur Individualisierung aber auch zur Isolierung, bis hin zur Erscheinung des Sonderlings. Autonomie und Individualismus sind ideologisch hoch besetzte Begriffe in unserer westlichen Gesellschaft, nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten westlichen Welt. (Dem gegenüber steht beispielsweise die für uns manchmal unverständliche konfuzianische östliche Moral. Auch das ist Moral, aber eben nicht annähernd deckungsgleich mit unseren Wertvorstellungen!). Autonomie und Individualismus, so schön und positiv das klingt, es wird meist mit Konsumfreiheit gleichgesetzt. Die Gruppenzugehörigkeit wird durch eine Uniform und/oder Typisierung erkauft. Das kann ein Markenpulli sein, ein Haarschnitt, ein Markenfahrrad, die Zugehörigkeit zu einem Verein der Sozialprestige vorgaukelt, oder wer es sich leisten kann, das "richtige" Auto. Wer nicht mithalten kann, oder nicht mithalten will, kommt sich schnell ausgeschlossen vor, oder wird tatsächlich ausgegrenzt. Oder- um dem Gefühl des Ausgeschlossenseins zu entgehen, geht man selbst auf Distanz. Individualismus und Einsamkeit sind nur die zwei Seiten einer Medaille, in unserer westlichen Gesellschaft wohlgemerkt. Einsamkeit ist kein Phänomen nur unserer Zeit. Sie ist ein Grundgefühl des Menschen, dem er sich immer wieder stellen muß. Verändert haben sich Ursachen und Erscheinungsbild. Erstaunlicherweise sind es lt. Literaturangaben eher junge als ältere Menschen, die über Einsamkeit klagen. Greta Petersen die Heidelberger Psychotherapeutin meint, die Älteren sind nicht allein und fühlen sich trotzdem einsam. Die jüngere Generation sei sich nicht bewußt, welch negativen Effekt auf das Gefühlsleben die Tatsache haben kann, sich aus der Geborgenheit des Elternhauses und des gewohnten Umfeldes zu lösen. Plötzlich muß man eigene Wertvorstellungen entwickeln und einen eigenen Lebensplan aufstellen! Welche Enttäuschung, wenn dann die Lebensentwürfe nicht gut gelingen, sei es beruflich oder privat. Wenn es nicht gelingt, neue vertrauensvolle Bindungen einzugehen. Die Single Gesellschaft, (nur ja keine soziale Verantwortung übernehmen!) tut ein Übriges. Ungerechte Steuer- und Einkommensgesetze, die Familien mit mehreren Kindern gleich ins Abseits stellen, begünstigen das. Pater Brockmöller meint, ein Staat, der das zuläßt, ein Staat, dessen Gesetze derart unsozial sind, daß Sie zum unanständigen Handeln auffordern (denken wir nur an die Steuer, wir lesen es fast täglich in der Zeitung), ein derartiger Staat ist a priori unmoralisch. Verloren gegangen sind die Perspektiven langfristiger Lebensplanung, wie sie noch für die Nachkriegsgeneration üblich waren. Jargon: "ich suche einen Job", nicht "ich bereite mich auf einen Beruf vor". Die Sprache ist entlarvend. Alte Normen gelten nicht mehr, die regulierende Kraft der Tradition fehlt teilweise oder ganz. Neue Handlungsorientierungen, die Sicherheit im Alltag geben sollen, sind allgemein verbindlich noch nicht gefunden, oder haben sich noch nicht durchgesetzt. Eberhard Elbing: "die heutige Einsamkeit des Menschen resultiert für mich daraus, daß es so wenig Wertorientierungen gibt, daß das Leben so beliebig, ja fast sinnlos erscheint". Selbst die Religion, bietet manchmal keinen festen Rahmen mehr, sondern franst an den Rändern nach Gutdünken aus. Er gibt zu, daß dies eine fast unbeweisbar Hypothese ist, denn "man kann ja nicht abfragen, ob sich jemand sinneinsam fühlt. Die Frage würde nicht verstanden. Wenn wir jedoch bedenken, wie intensiv junge Menschen nach neuen Orientierungen, nach Sinngebung und Idolen suchen, ob in der Medienszene, im Trend der Esoterik, in Selbsterfahrungs- und Psycho- Gruppen, dann wird diese Sinneinsamkeit sehr deutlich". Was Wissenschaftler über die alltägliche Einsamkeit herausgefunden haben, das wird bestätigt von den Erfahrungen in der Telefonseelsorge. Bundesweit dreht sich etwa jeder zehnte Anruf direkt um das Problem Einsamkeit. Wenn man dazu die Anrufe in denen indirekt über Einsamkeit gesprochen wird dazu zählt, dann vervielfacht sich diese Zahl. Es sind Beziehungsprobleme, Bindungsängste, berufliche Schwierigkeiten die am Sorgentelefon zur Sprache kommen. Die Anruferin oder der Anrufer hat niemanden, mit dem über das Problem gesprochen werden kann. Einsame Menschen hat es immer gegeben. Die Einsamkeit in unserer Gesellschaft ist jedoch in vielen Fällen auf Selbstzweifel gegründet. Wer sich ständig an Idealbildern orientiert, die Medien liefern diese frei Haus, glaubt auf einmal, nicht mehr mithalten zu können. Niederlagen werden als persönliches Versagen interpretiert. Zum Selbstschutz zieht man sich zurück. Was Einsamkeit eigentlich ist, kann nur schwer gefaßt werden. Wer allein ist und für sich lebt, muß sich nicht unbedingt einsam fühlen. Und umgekehrt gilt, wer nicht allein lebt und viele gesellschaftliche Kontakte hat, kann sich trotzdem einsam fühlen. In unserer Gesellschaftsordnung wird Alleinsein und Einsamkeit meistens gleich besetzt und negativ bewertet. Die Quantität und nicht die Qualität sozialer Beziehungen wurde zum Maßstab. Wer einsam ist, fühlt sich nicht gesellschaftsfähig. Wenig Freunde zu haben und nicht dauernd unterwegs zu sein, das paßt nicht in das gesellschaftlich geprägte Bild einer selbständigen und kompetenten Person. Dies kann leicht zum Selbstbild, zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden. Nicht mehr in jeder Situation zurecht zu kommen und sich darüber auch noch mit anderen auszutauschen, davor schrecken viele Menschen zurück. Es gibt einen verstärkenden Zusammenhang, eine Rückkopplung zwischen dem Verhalten einzelner einsamer Personen und der Umwelt. Das introvertierte und gehemmte Verhalten Einsamer ist auf Dauer schwer zu ertragen, die Umwelt geht auf Distanz und schon haben wir den sich verstärkenden Teufelskreis. Unser Leben beginnt mit einer Trennung, der Trennung vom Mutterleib. Es endet mit einer Trennung, dem Tod. Dazwischen liegen die vielen kleinen Trennungen, der erste Tag des Kindes außer Haus, der erste Schultag, eine Reise, Umzug. Bei Menschen die sich einsam fühlen kann man beobachten, daß Versuche der Kontaktaufnahme anderer Menschen nicht wirklich bemerkt werden. Sie sind fast unfähig ein freundliches Wort, ein Kompliment entgegen zu nehmen. Interesse, Lob, Tadel, gleiten an Ihnen ab wie an einem Regenschirm, sie ziehen es vor einsam zu bleiben, nur um nicht enttäuscht zu werden. Doch wie hoch ist der Preis dafür! Der einsame Mensch fühlt sich allein in einer Welt ohne Mitgefühl, in Wirklichkeit ist das nur eine Übertragung seiner Gefühle oder Nichtgefühle auf die Umwelt. Es sind immer Umbruchphasen oder Trennungen im Leben, in denen der Mensch seine existentielle Einsamkeit besonders angstvoll und schmerzhaft erlebt. Wenn das Gewohnte brüchig wurde, wenn das eigene Weltbild erschüttert wurde, muß versucht werden eine neue Balance zu finden. Das macht den Menschen psychisch offener, aber auch verletzlicher. Solche Phasen müssen nicht immer offen zutage treten. Kritische und sensible Zeiten sind die Pubertät, die Adoleszenz, Berufsfindung, das Altern. Mit Enttäuschungen umgehen zu können, Einsamkeit als notwendige Schattenseite des Lebens zu akzeptieren, setzt eine Ichvorstellung voraus, die manchen, ja vielen Menschen in unsrer Gesellschaftsordnung fremd sind. Was bleibt sind Vorstellungen wie der Mensch ideal sein möchte. Oft sind diese Vorstellungen sehr diffus, doch Einsamkeit macht uns auch menschlich.
Die Bindekräfte der Gesellschaft nehmen ab Für die Soziologie ist "Gesellschaft" nicht eindeutig bestimmt, sondern ein Name für einen bestimmten Bereich. Dem Strukturwandel dieser Gesellschaft in der Moderne und Postmoderne widmet die Soziologie besonderes Augenmerk. Die Hochkulturen vor der Neuzeit und auch zu Anfang der Moderne beruhten im Wesentlichen auf dem Prinzip von Über- und Unterordnung, einer strengen Hierarchie im familiären Leben, im Beruf und erst recht in Staat und Politik. (Beamte vertraten Kaiser und Staat. Sie traten mit dem Absolutheitsanspruch auf. Leider sehen wir dies heute teilweise noch, nur das Umfeld hat sich gewandelt, es wird Zeit, daß dies auch auf den Ämtern bemerkt wird). Die klassischen Gesellschaften strukturieren sich nach Funktionsbereichen wie Wirtschaft, Politik, Religion, Familie, später kamen Funktionsbereiche wie Militär, Justiz, Bildungswesen, Gesundheitswesen etc. hinzu. Ein Fabrik war klassisch in Produktion, Verkauf, Verwaltung gegliedert. Diese Abgrenzungen gibt es in der Postmoderne nicht mehr. Lassen Sie mich das an einem ganz einfachen unsensiblen Beispiel erläutern. Bescherte noch bis zur Mitte dieses Jahrhunderts und evtl. darüber hinaus der Besitz der Produktionsmittel (Grund und Boden, Gebäude, Maschinen) Macht und Einfluß, so ist das heute ganz anders. Bei Firmenverkäufen und bei Neuorganisationen sehen wir ganz deutlich, der materielle Besitz ist zweitrangig, wichtig ist der Besitz eines guten Kundenstammes. Und der will gepflegt sein! Kunden sind ein immaterielles Wirtschaftsgut, kein materielles. Unsere bisherigen Vorstellungen von der Gesellschaft gehen von Abgrenzungen aus, die den Leitbildern des Nationalstaates entsprechen. Der Nationalstaat war die historisch wahrscheinlich letzte Form eines die Menschen in allen Lebenszügen umfassenden Gemeinwesens. Entsprechend dem aristotelischen koinonia politike wurde das individuelle und das kollektive Wohlergehen in einen gemeinsamen umfassenden Sinnzusammenhang gestellt. Im Zuge der Internationalisierung, der Transnationalisierung und der Globalisierung werden die herkömmlichen Grenzen unscharf. Deshalb wird der herkömmliche gesellschaftliche Zusammenhalt fragwürdig. Kaufmann unterscheidet vier Arten des gesellschaftlichen Zusammenhalts:
Um Fremdheit zu überwinden, muß die Bereitschaft zum Dialog bestehen. Dies ist der Vernunft zugänglich, doch das Gefühl spielt hier nicht nur manchmal, sondern oft, einen Streich. Nur ein unbedingter Glaube an die Würde des Menschen kann gewaltsame Auseinandersetzungen verhindern. Das Liebesgebot der Bergpredigt ist Ausdruck dieser ethischen Verpflichtung.
Strategien zur Überwindung der Einsamkeit Menschen, die sich einsam fühlen denken oft, daß es nur Ihnen so geht und daß etwas mit Ihnen nicht in Ordnung sei. Der wichtigste Schritt zum bezwingen von Einsamkeit besteht nach Ansicht der amerikanischen Autoren Jaqueline Olds, Richard Schwartz und Harriet Webster in der Überwindung der Angst vor Neuem. Viele einsame Menschen reagieren auf wohlmeinende und auch richtige Ratschläge, wie sich einem Sportverein anzuschließen, ein Ehrenamt zu übernehmen, fast automatisch mit dem Hinweis, "das kann ich nicht alleine tun". Das ist richtig, ich brauche dazu andere Menschen, Ansprechpartner. Doch den ersten Schritt, der erste Schritt ist das Wollen, die Einsamkeit zu beenden, diesen ersten Schritt muß ich selbst tun. Mit einer Vermeidenshaltung verbauen sich viele Menschen den wichtigsten Weg aus der Einsamkeit, nur wer es schafft ein soziales Netzwerk zu knüpfen, kann die Zeit des unfreiwilligen Alleinseins vermindern. Das ist einsamen Menschen nicht neu. Sie wissen nur zu genau, daß es ihnen an beständigen Kontakten mangelt. Nur: wo findet man die Menschen, denen man vertrauen kann, Menschen die zu einem passen. Freundschaften entstehen durch regelmäßigen Kontakt und eine gemeinsame Aufgabe. Die Aufgabe für einsame Menschen besteht nun darin, Voraussetzungen zu schaffen oder eine entsprechende Gruppe zu finden die Freundschaft fördert und pflegt. Dazu sollte man sich in der nächsten Umgebung umsehen. Welchen Gruppen könnte ich mich anschließen? Jede Situation die regelmäßigen Kontakt und einigermaßen übereinstimmende Interessen gewährleistet, erhöht die Chance langfristig Freundschaften aufzubauen. Das funktioniert nur, wenn man sich für die Sache, um die es geht, wirklich interessiert. Da es nach Ansicht von Psychologen zwischen sechs Monaten und einem Jahr dauern kann, bis sich engere Beziehungen aus gemeinsamen Interessen entwickeln, muß man sich genau fragen, was ich den wirklich will. Freundschaften basieren auf Gegenseitigkeit. Das bedeutet, daß sich ein neuer vorsichtiger Kontakt nur dann vertiefen kann, wenn sich Geben und Nehmen in etwa die Waage halten. Manchmal wird das Interesse nicht gezeigt, aus Scheu vielleicht. Auf Dauer wirkt das auf den anderen Teil ermüdend, er zieht sich zurück. Gegenseitigkeit ist nach Meinung der amerikanischen Autoren eine, wenn nicht die wesentliche Voraussetzung für die Überwindung von Kontaktarmut. Sollen Freundschaften stabil sein, braucht es Geduld und die Bereitschaft die eigene Schwelle zu überschreiten. Das geht nicht von heute auf morgen. Die Autoren Rubinstein und Shaver unterscheiden zwischen "trauriger Passivität" und aktiver Einsamkeit". Traurige Passivität ist gekennzeichnet durch Schlafen, Nichtstun, Alkohol trinken, zuviel Essen, Beruhigungsmittel, zu viel Fernsehen und vor "Einsamkeit verrückt werden". Aktive Einsamkeit hat ein völlig anderes Gesicht. Aktiv einsame Menschen besuchen Clubs, Fitnesskurse, haben ein Theaterabonnement, malen, lernen eine Sprache, erfreuen sich an Büchern oder engagieren sich für eine soziale Sache. Die Wege, die aus der quälenden Einsamkeit herausführen sind lang und nicht einfach. Oder sind sie doch einfach?
Freimaurerei, Dienst am Menschen Sehr verehrte Anwesende vielleicht warten Sie schon lange auf das Wort Freimaurer oder Freimaurerei, das bisher nicht vorkam. Ich fasse vorläufig zusammen:
Sind das nicht Alles Hauptfragen, die wir in unseren Logen bewältigen können, ja unsere ureigenste Aufgabe sind? Warum brauchen wir dazu die komplizierte Freimaurerei, mögen Sie denken? Daß Freimaurertum Dienst beinhaltet, den Dienst am Nächsten, versteht sich von selbst. Jeder steht im Dienste des anderen. Dabei weite ich den Begriff des Dienens bewußt auf das engere und weitere Umfeld jedes Einzelnen von uns aus. Für einen Freimaurer jedoch liegt die Wurzel in der Loge. "Dienen heißt, tätig sein". Allen wird gleiche menschliche Würde und gleiches Ansehen zuerkannt. Wir spüren (hoffentlich) nichts von Ehrgeiz in unseren Logen, es sei denn, dem Ehrgeiz dienen zu dürfen. Dienen im besten Sinne. "Ich bin der erste Diener des Staates", sagte Bruder Friedrich der Große. Ich zweifle nicht an der ethischen, moralischen und geistigen Anziehungskraft der freimaurerischen Botschaft. Wir betonen sehr stark den Aspekt des Dienens, der praktischen Tätigkeit neben dem Aspekt der geistigen Vervollkommnung und der Esoterik. Dienen beginnt im Beruf und es hört in der Familie und im Bruderkreis noch nicht auf. Wir haben in unseren Logen aufgrund der unablässigen Arbeit am rauhen Stein ein hochqualifiziertes, geistiges und moralisches Kapital. Freimaurer haben die Werkzeuge ihre Persönlichkeit weiterzuentwickeln und damit auch zu verhindern, daß die Gesellschaft stagniert. Wir haben die Pflicht, das kulturelle und geistige Erbe der Menschheit zu bewahren. Das mag ein hoher Anspruch sein, doch wer soll's tun, wenn nicht wir? Wann. wenn nicht jetzt, wer, wenn nicht ich. Freimaurer haben es leichter, sie haben die institutionalisierte Möglichkeit, leicht Freundschaften zu schließen. Meine Frau brachte mich auf die Idee, daß es Frauen leichter haben, sich zu öffnen, auf den Anderen zuzugehen, kurz Freundinnen zu haben. Männer machen es sich schwerer. Gerlinde Unverzagt schreibt dazu: Männer und Frauen erleben Einsamkeit verschieden. Männer stellen bei der Beschreibung der Einsamkeit zwischenmenschliche Isolation und soziale Entfremdung in den Vordergrund. Männer vermissen stark die Verbundenheit mit anderen, haben ein schwaches oder gar kein Netzwerk und sehnen sich nach Vertrautheit. Das Gefühl der Einsamkeit führt bei Männern zu einer starken Entwertung der eigenen Person. Männer glauben, daß Einsamsein einem sozialen und persönlichen Versagen gleichkommt. Männer tun sich schwer, zu ihren Gefühlen zu stehen und ihre Verletzlichkeit zuzugeben. Frauen sind dagegen weniger bereit die Einsamkeit zu verbergen oder sich deswegen selbst abzuwerten, so die kanadische Studie. Tatsache ist also, daß Männer einen Anschluß, ein Sprungbrett, eine Plattform brauchen, um Freundschaften zu schließen, zumindest macht es eine gemeinsame Ausgangsbasis für Männer leichter. Was wäre besser dafür geeignet als die Loge, die Loge mit ihrem geschützten Freiraum. Gefährlich in der Diskussion unserer Zeit ist die inhärente Terminologie des Untergangs und die Angst vor dem nicht Begreifbaren, gefährlich aber auch im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Technik in der ursprünglich mechanischen Form ist be-greif-bar, Technik in der neuen Form der Chips und der subatomaren Physik ist für den Normalbürger unanschaulich. Es entsteht eine emotionale, irrationale Angst vor dem Unbegreifbaren. Jede Generation hat ihre eigenen Ängste, doch Ängste, die in uns liegen sind der Diskussion nicht mehr zugänglich. Es ist eine metaphysische Angst. Das ist gefährlich, denn manche der Argumente sind durchaus einleuchtend. Durch den maßlosen Gebrauch von Schlagworten, kann auch der Nichtinformierte mitreden, bzw. er meint, dies zu können. So kommt keine Sachdiskussion zustande, sondern eine emotionelle Auseinandersetzung. Hier hat die KK, unsere KK, eine Aufgabe. Wir wissen um Emotionen. Wir können durch das Einbinden in die Bruderkette, Ängste durch Verstehen, durch Verständnis, durch Zuhören, durch vorsichtiges Argumentieren, nehmen. Das ist eine große Chance für die Freimaurerei. Welchen Stellenwert soll nun die Freimaurerei in einem FKN Land (=fortgeschrittene, kapitalistische Nation, nach Hermann Kahn) einnehmen? Oder: welche Rolle wird die Freimaurerei um die Jahrtausendwende und danach übernehmen? Anstelle einer abstrakten Beschreibung erlauben Sie mir eine Analogie zu gebrauchen. Auf den Hawai-Inseln gab es eine heilige Stätte der Ureinwohner, Pu'uhonua genannt. Das war der Ort der Zuflucht, ähnlich den mittelalterlichen Gotteshäusern, aber weit darüber hinausgehend. Jeder konnte in Pu'uhonua Frieden finden. Es war naturgemäß schwierig, diesen Ort zu erreichen. Aber jeder, unabhängig von Alter, Stammesangehörigkeit oder sozialem Status, konnte dorthin kommen. In der Kultur der Hawai Stämme garantierte der Ort das Gleichgewicht zwischen den lebensbedrohenden Kräften der Außenwelt und den liebenden Kräften der Innenwelt. Hier möchte ich die Analogie wieder verlassen, Sie haben meine Intention erkannt. Die Loge ist ein Ort des Friedens und der lebendigen, brüderlichen Liebe. Unsere Väter wußten schon, warum sie religiöse und politische Streitgespräche aus der Loge bannten. Ich sagte Streitgespräche, vernünftigen Diskussionen über Politik und Religion sind wir immer zugänglich (siehe dieses Wochenendgespräch, die Themen sind hoch politisch). Jedoch dürfen die Vorträge und Diskussionen nicht verletzend und lieblos sein. Wenn ich einen geschützten Freiraum in der Loge sehe -die Analogie zu Pu'uhonua- dann ist das zweiseitig. Einerseits kann sich jeder öffnen, auch mit Ängsten und Problemen, andererseits bin ich verpflichtet, aus brüderlicher Liebe heraus verpflichtet, niemand zu nahe zu treten. Unser Orden ist eine Antwort auf eine desorientierte Welt. Das ist realistisch und keine Utopie. Wenn ich sagte unser Orden, so meine ich das ganz wörtlich. Besinnen wir uns dabei auch auf unsere Wurzeln. Wenn es die Freimaurerei nicht gäbe, so müßte sie erfunden werden. Glücklicherweise brauchen wir gar nichts zu erfinden, wir haben Alles. Allerdings, das ist meine persönliche Überzeugung, wenn die Freimaurerei überleben wird und sie wird überleben, dann nicht in einer mehr oder weniger unverbindlichen Form, sondern in der selbstverpflichtenden Bindung als Orden und im Orden. Dr. Theodor Sand Literatur: Baader, Roland Biedenkopf, Kurt et
al. Calvino Italo Dahrendorf Ralf Dahrendorf Ralf Dalai Lama Elbing, Eberhard Fikentscher, Wolfgang Fischer, Arthur und Münchmeier,
Richard Grunenberg, Antonia Huntington Samuel P. Kanitscheider, Bernulf Kaufmann, Franz Kirt, Romain Küng, Hans Levend, Helga McLuhan, Marshall,
Powers, Bruce Mitchell, William J. Negt, Oskar Noack Paul Nuber, Ursula Petersen, Peter Rokach, Ami und Brock,
Heather Schwartz, Richard C. Tarnas Richard Unverzagt, Gerlinde Weidenfeld, Werner,
Hrsg. Wieland-Burston,
Joanne Wittkopp, Gregor Würtele Günther,
Hrsg. |