Warum wird man Freimaurer?

Von Br. Rolf Crummenerl

Nicht umsonst werden Männer, die sich um die Aufnahme in eine Loge bemühen, "Suchende" genannt. Sie suchen jenseits ihres Alltagsdasein, jenseits ihrer Daseinsvorsorge nach etwas, womit sie ihr Leben bereichern können, sobald die sogenannte "midlife-crisis" in ihnen Zweifel an einer vorwiegend karriereorientierten Lebensgestaltung weckt. Denn nun wird klar: "Das kann doch nicht alles gewesen sein!"

Sicherlich gelingt es heute vielen, die deprimierende Einsicht zu unterdrücken und sich von den Fun-Angeboten einer Gesellschaft betäuben zu lassen, die alle Anstrengungen unternimmt, um die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach seiner metaphysischen Dimension, gar nicht erst aufkommen zu lassen. Diese Frage im Keim zu ersticken ist die Aufgabe zahlloser begabter und kreativer Zeitgenossen, die sich dem Marketing in seinen mannigfaltigen Facetten – vom Gesundheitskult bis zum Schlemmerleben, von der Bildungsoffensive bis zur verblödenden Fernsehunterhaltung – verschrieben haben. Wo diese gar nicht mehr so "geheimen Verführer" erfolgreich sind, gibt es keine Sinnsuche mehr, denn der "Sinn" des Daseins lässt sich ja mit Händen greifen und mit Augen sehen in der Form des materiellen Besitzes und des Entertainments.

Machen wir uns nichts vor: Die Beschäftigung mit den Inhalten der Freimaurerei ist eine persönliche und schwierige Aufgabe. Sie muss auch mehr als bisher aus der Verborgenheit hervortreten und auf das Angebot aufmerksam machen, das sie denjenigen macht, welche an den "Idealen" der Wohlstandsgesellschaft irre werden und nach einem Sinn in ihrem Leben suchen.

Motive, sich der Freimaurerei anzuschließen

Allerdings ist es gar nicht so einfach, das Ziel dieser Suche zu präzisieren. Offensichtlich liegt in der Regel eine Vielzahl unterschiedlicher Gründe vor, sich der Freimaurerei anzuschließen, über die sich die selbst bewährte Brüder nicht immer im Klaren sind.

Da es mir in zehn Jahren nicht gelungen ist, von meinen Mitbrüdern klare Auskunft über den Grund und die Art ihrer Suche zu bekommen, bin ich auf Introspektion angewiesen. D.h., dass ich Ihnen im Folgenden ganz private Einsichten vortrage, die sicherlich der Korrektur und Ergänzung bedürfen.

Ich glaube, bei mir drei unterschiedliche Beweggründe erkennen zu können, von denen ich vermute, dass sie weitgehend Allgemeingültigkeit beanspruchen können, wenn sie nicht sogar anthropologische Konstanten sind, allerdings mehr oder weniger stark ausgebildet:

  1. Das Streben nach Selbstverwirklichung
  2. Das Bedürfnis nach Freundschaft
  3. Der Wunsch, die Welt zu verbessern.

Für viele mag das nach spätpubertären Fantastereien fernab der Realität klingen, und ich gestehe, dass es Stunden gibt, in denen ich das auch so sehe. Aber lassen Sie uns trotzdem darüber nachdenken.

A) Das Streben nach Selbstverwirklichung

Nicht nur aus meiner Sicht und zum Beispiel Bruder Goethes, sondern auch schon aus den frühesten schriftlichen Aufzeichnungen in altägyptischer Zeit vor 5000 Jahren, d.h. in den sogenannten Weisheitslehren von Pthahotep, wird die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, um nicht zu sagen, ihre "Veredelung", als das eigentliche Ziel jeden menschlichen Lebens dargestellt. Wird es verfehlt, so äußert sich das in physischen, psychischen und sozialen Notständen, die nur kuriert werden können, wenn es gelingt, diejenige Form der Selbstverwirklichung zu erreichen, die – weit entfernt von allem Egoismus – die Verwirklichung des in jedem Menschen angelegten Wesenskerns anstrebt. Dieses in jeder Seele angelegte Ziel erfüllte sich vorbildlich in den Stiftern der großen Religionen wie Jesus, Buddha, Mohammed und Konfuzius, deren Lebensgeschichten in legendärer Form davon berichten, wie es hier Menschen gelang, sich von allen Zwängen frei zu machen, sich somit selbst zu finden und damit den Auftrag zu erfüllen, den – welche Macht auch immer – Gott, Allah, die Natur oder die Evolution, nach unserem Sprachgebrauch der Dreifach Große Baumeister, in jede menschliche Seele eingepflanzt hat.

Wie die Selbstanalyse und die Lebenserfahrung zeigt, gelingt es nur wenigen, diesem Auftrag in zureichender Weise nachzukommen, den wir Freimaurer symbolisch als die Umwandlung des "Rauen Steins" in den glatten "Kubus" bezeichnen.

Die Anhänger und Jünger jener Religionsstifter rückten diese deshalb in die unmittelbare Nähe Gottes. Die Ägypter entrückten ihre Könige zu den Sternen und erklärten sogar die Götter zu deren Befehlsempfängern. Denn sie, die Könige, waren sozusagen von Berufs wegen vollkommene Wesen, wenn sie sich auch in der Realität ihrer menschlichen Schwächen nicht immer erwehren konnten.

Für die Ägypter repräsentierten die Könige die höchste Steigerung, deren die menschliche Seele fähig war und nach der sie sich sehnt, ohne sie im Regelfall erreichen zu können. So wurden sie zu Leitbildern, genau so, wie Jesus es innerhalb der abendländischen Tradition noch immer sein kann, wenn man die dem aufgeklärten Menschen von heute fremden Wundergeschichten als poetische Bilder betrachtet, wie es zum Beispiel der Theologe und Psychotherapeut E. Drewermann tut, der an seinen Vortragsabenden das Christentum den Sinn suchenden jungen Menschen als Form der Psychotherapie anbietet.

Die Freimaurerei verspricht dem Suchenden, ihm den Weg zu weisen, der ihn erlöst von der Verkümmerung seiner Persönlichkeit in einer Welt, die den Menschen zu einem raffgierigen Konsumenten erzieht, und der ihn zur Verwirklichung seines wahren Selbst führt.

Das ist ein hoher Anspruch. Aber wenn wir an diesem hohen Ziel nicht festhalten, selbst wenn es in der Lebenspraxis bestenfalls annähernd erreicht werden kann, dann sind die Inhalte der Freimaurerei nichts als ein Hirngespinst.

B) Das Bedürfnis nach Freundschaft

Doch nun zum Motiv B), der Suche nach sozialer Einbettung, auch Freundschaft genannt oder in unserem Fall: Bruderschaft. Die Bezeichnung klingt ein wenig altertümlich. Die Anrede "Bruder" ist gewöhnungsbedürftig. Der Wunsch nach menschlicher Nähe ist gleichwohl vorhanden wie eh und je, ist vielleicht sogar dringender, da unsere individualistisch eingestellte Gesellschaft eine unvorteilhafte Umgebung abgibt für das Zustandekommen sozialer Bindungen, die über Geschäftsbeziehungen hinaus gehen. Die Wettbewerbsgesellschaft macht auch den Kollegen, den Mitarbeiter, sogar den Lebensgefährten zum Rivalen, der auch im Rahmen der gemeinsamen Beziehung oft nur nach dem eigenen Vorteil sucht.

Deshalb gehe ich davon aus, dass das Bedürfnis nach Einbindung in einen echten Freundes- und Bruderkreis eine wichtige Antriebskraft der Suche bildet, die Männer dazu veranlasst, sich der Freimaurerei zu nähern. Da viele Brüder heute ohne Brüder und Schwestern heranwuchsen und ihre Jugend- und Schulfreunde auf ihrem individuellen Lebensweg verloren haben, kann unser Bruderbund auch in diesem Punkt der vorhandenen Nachfrage ein Angebot entgegen stellen, wenn wir die Forderungen unseres Bundes ernstnehmen, welcher die wechselseitige brüderliche Zuwendung zum tragenden Element des Logenlebens macht.

Vielleicht war der eine oder andere enttäuscht, der Freunde suchte und statt dessen Brüder fand. Diese sollten aber durch die Dauerhaftigkeit und Zuverlässigkeit der brüderlichen Bindungen entschädigt werden. Brüderliche Bindung kann nicht wie eine Freundschaft spontan entstehen, wachsen, aber auch vergehen, sondern sie ist eine immer währende, unauflösliche Blutsverwandtschaft, wie es unser Aufnahmeritual jedem deutlich macht.

C) Der Wunsch, die Welt zu verbessern

Neben dem Wunsch nach Selbstverwirklichung und dem Wunsch nach sozialer Einbettung finden wir drittens gerade bei jüngeren Männern, aber gelegentlich auch bei reiferen Jahrgängen eine idealistische Neigung, die Welt zu verbessern. Dieser Idealismus ist in der Vergangenheit schlimm missbraucht worden. Darüber hinaus hat der Materialismus einer konsum-orientierten Nachkriegsgesellschaft dazu geführt, dass es heute als normaler Reifeprozess missverstanden wird, dass jeder Idealismus im Widerstreit mit der beruflichen Karriere verkümmert, und ein Mann erst dann als erwachsen gilt, wenn er seine Begeisterungsfähigkeit für die Vision einer "schönen, neuen Welt" – im Shakespeare´schen, nicht im Huxley´schen Sinne – resignierend aufgegeben hat.

"Wer Visionen hat, sollte zum Psychiater gehen", meinte unser Altbundeskanzler Helmut Schmidt in seiner nüchternen und ernüchternden Art. Seltsamerweise arbeitet er aber noch in seinen 80-er Jahren an einer Verbesserung der Lebensumstände für die vielen Benachteiligten auf dieser Erde.

Ich denke, dass Männer wie Helmut Schmidt, die ihre Jugendträume einzuschränken gelernt haben, sich aber trotzdem weigern, die profitorientierte Gesellschaft unserer Zeit als den Höhepunkt der menschlichen Entwicklung zu betrachten, wichtig sind und mit Recht darauf hoffen können sollten, in der Freimaurerei eine weltumspannende Bruderschaft anzutreffen, welche Globalisierung nicht nur als Ökonomisierung, sondern im Sinne einer Humanisierung versteht. Denn nichts Anderes bedeutet unser altes Bild von der Errichtung des Tempels der Humanität. Die nüchterne Einschätzung unserer begrenzten Möglichkeiten, Visionen zu verwirklichen, ist in der Tat angebracht, aber auch ein fester Wille und, wenn möglich, sogar Leidenschaft im Bemühen, die Gesellschaft menschlicher zu gestalten. Es war der Sinn dieser Überlegungen, aufzuzeigen, dass die Freimaurerei auf dem Markt der Sinn- und Bedeutungsvermittlung mit ihrem Angebot gut positioniert ist, und dass die Vermutung, es könne für die Freimaurerei kein Bedarf mehr vorhanden sein, absolut unbegründet ist!

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