Hilbert von Löhneysen Kassel,                                                                             27.01.2002
Landesgroßredner GLL

 Öffentliche Veranstaltung der Freimaurerlogen der Region

am 02.02.2002 im Logenhaus, Herdweg 23, 70174 Stuttgart

Freimaurerei - heute und morgen

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Das mir gestellte Thema, "Freimaurerei heute und morgen" ist so weit gefasst, dass es mir alle Freiheit lässt, den Vortrag zu gestalten. Ich beabsichtige über die folgende Bereiche zu sprechen:

    • Zweck und Arbeitsweise der Freimaurerei,
    • Geistige Standortbestimmung,
    • Die Situation der Freimaurerei zu Beginn des 21. Jahrhunderts,
    • Neuen Ethik oder alte Werte.

I. Zweck und Arbeitsweise der Freimaurerei

Eine verbindliche Definition dessen, was Freimaurerei ausmacht, gibt es nicht. In den Verfassungen der Großlogen, die es in jedem freiheitlichen und demokratischen Rechtsstaat gibt, werden zwar Aufgaben und Ziele der Freimaurer umrissen, eine einheitliche Erklärung gibt es aber nicht. Am treffendsten ist wohl jene englische Definition, in der es heißt: "A peculiar system of morality veiled in allegory and illustrated by symbols", was meint "Ein besonderes moraliches System, durch Allegorie verschleiert und durch Symbole verdeutlicht." Auf die Frage "Was ist Freimaurerei?" ist die richtige Antwort: Die Freimaurerei ist das letzte große System von Männerbünden mit dem Ziel der ethischen und moralischen Vervollkommnung seiner Mitglieder.

Die Freimaurerei ist keine Lehre in Worten und kann daher eben nicht definiert werden. Sie vermittelt vielmehr ihre Grundsätze in Symbolen, Sinnbildern und Gebräuchen. Die Loge war so von Anfang an — bei Wahrung der Individualität des einzelnen Mitgliedes — eine Gesinnungsgemeinschaft, der sich die Edelsten verpflichtet wußten, von wo sie ihre Impulse empfingen und wohin sie ihre besten Anregungen trugen und gemeinschaftlich reifen ließen.

Trotz unterschiedlicher Systeme und Ausprägungen der "regulären Logen" ist das Ziel aller maurerischen Bünde und Logen das gleiche: Menschenveredlung, oder, um es mit einem Begriff aus dem Sprachgebrauch der Logen zu sagen: "aus einem rauhen Stein einen behauenen Stein" zu machen. Es geht dabei nicht um Weltverbesserung insgesamt oder um Erziehung der gesamten Menschheit, sondern um die sittliche Vervollkommnung des Einzelnen, eine Aufgabe, die allein Arbeit für ein ganzen Leben enthält.

Es geht also um Arbeit. Damit ist nicht die Berufsausübung gemeint, sondern die Tätigkeit bei den "Tempelarbeit" genannten Zusammenkünften. Diese gehen nach genau vorgeschriebenen Ritualen vor sich, deren wesentliche Teile in allen freimaurerischen Ritualbüchern der Welt übereinstimmen.

Alles, was bei diesen "Arbeiten" geschieht, hat übertragenen, symbolischen Wert. Hineingewoben sind zahlreiche Symbole aus der Arbeitswelt der Steinmetzbruderschaften und der Ritterorden des Mittelalters sowie Hinweise auf die Wirklichkeit der Transzendenz der Deutschen Mystik der Frühen Neuzeit.

Dass durch ein symbolisches, stellvertretendes Handeln und Erleben die Entwicklung eines Menschen beeinflusst werden kann, ist eine Jahrtausende alte Erfahrung der Menschheit. Heute lehrt uns die moderne Wissenschaft dies als gesicherte Erkenntnis. Von den drei Formen des menschlichen Wissens, dem abstrakten begrifflichen Wissen, dem Handlungswissen - intuitives und moralisches Tun - und dem bildlichen Wissen - Erinnerung in Bildern von einem Ort verbunden mit einem Gefühl - , sind die beiden letzteren persönlichkeitsbestimmend oder "ich-nah". Was wir sind, bestimmt sich nach dem, was wir tun und erleben oder erleiden, und nach den davon in uns vorhandenen Bildern, die in Emotionen eingebettet sind.

Leider muss man feststellen, dass unsere Kultur, unserer Ausbildung, unsere Schulen und Universitäten weitgehend rational und abstrakt geprägt sind, und daher nur sehr bedingt zur Entwicklung und Bildung von Persönlichkeit beitragen können. Hier liegt die große Chance und Aufgabe der KK der Freimaurer, wie wir unsere Lehr- und Übungsweise auch nennen. Unseren Ritualhandlungen beziehen eben auch die Emotionen, das Handlungswissen und das bildliche Wissen ein, und beschränken sich nicht allein auf das begriffliche Wissen. Es wird in gleicher Weise, wie wir es nennen, auf Vernunft und Gewissen Einfluss genommen. Der Erlebniswert unsere Rituale ist daher für die Bildung der Persönlichkeit der wichtigste und unverzichtbare Teil unserer Arbeit, wichtiger als noch so gute Reden.

Wir alle verändern uns ständig. Die Plastizität der menschlichen Entwicklung ist aber noch völlig unerforscht. Ob also die Persönlichkeitsentwicklung mit 50 oder 60 Jahren beendet ist, oder ob auch noch ein 80jähriger Mensch sich entwickeln kann, bleibt offen.

Wir Freimaurer gehen davon aus, dass letzteres noch möglich ist, auch wenn wir aus Erfahrung wissen, das der Mensch mit steigendem Alter immer konservativer wird. Meine Neugier auf die Welt verändert mich, eine Partnerschaft verändert mein Weltbild. Auch der historische und kulturelle Wandel verändert die Menschen. Das haben Untersuchungen nach dem Zusammenbruch der DDR bewiesen. Besondere Lebensereignisse verändern die Beteiligten. Der Eintritt in die Loge, die feierliche Ausnahmehandlung, wie alle folgende Erlebnisse bei den Ritualen, können ein solches prägendes Ereignis sein.

Wir gestalten uns aber auch durch gezielte Auswahl unserer Umwelt, unserer Freunde und Beziehungen. Die Loge kann diese Auswahl steuern, um der Veränderung eine bewusste Richtung zu geben. Lernen ist Erfahrung und Erlebnis! Das hat die Freimaurerei schon immer gewusst. Und das alles geschieht in den Tempelarbeiten in Verehrung nicht eines durch Dogmen bestimmten Gottes, sondern in Ehrfurcht vor dem "dreifach großen Baumeister der ganzen Welt."

Vor ihm stehen alle Freimaurer in der Kette, sowohl als untereinander Gleichberechtigte, als auch als die vor ihm Gleichbedürftigen. Das persönliche Glaubensbekenntnis bleibt dem einzelnen überlassen.

 

II. geistige Standortbestimmung

 Die moderne Freimaurerei ist ein Kind Europas zu Beginn des 18. Jahrhunderts. 1717 gründeten einige Logen in London die Großloge von England, was heute allgemein als der Beginn der modernen Freimaurerei angesehen wird. In den noch heute für alle Freimaurer auf der Welt als geltende Grundlage verstandenen sog. Alten Pflichten eines Freimaurers, enthalten in The Costitutions of the Free-Mason von James Anderson aus dem Jahr 1723, heißt es im Abschnit "I. von Gott und der Religion":

"Ein Maurer ist durch seine innere Haltung verpflichtet, das Moralgesetz zu befolgen; ... [Sie sind nur zu] ... der Religion zu verpflichten, in der alle Menschen übereinstimmen, ihre besondere Meinung aber [ist] ihnen selbst ... überlassen; das heißt, gute und redliche Männer zu sein, ... durch welche Glaubensbekenntnisse oder -Anschauungen sie auch unterschieden sein mögen, ..."

Unter dem Sinnbild des d.g.B.d.g.W. ist es möglich, daß sich Brüder Freimaurer aller Glaubensrichtungen vereinen. Glaubens-, Gewissens- und Denkfreiheit sind des Freimaurers höchstes Gut. Zugleich wird deutlich, daß es einem Atheisten nicht möglich ist, an den freimaurerischen Arbeiten teilzunehmen.

Die Frage welche Momente in den Ritualen als religiös oder gar christlich betrachtet werden können, kann notwendiger Weise nur ganz persönlich beantwortet werden. Der Freimaurerbruder hat die Freiheit, in Ritualen, Anweisungen und anderen Schriften nach dem Grundstein seiner Religion zu suchen und mit diesem die feste Grundlage seines Glaubens zu mauern. Undogmatisch denkt jeder Bruder über sein Erlebnis des Rituals nach. Seine Augen öffnen sich, und er wird sich seiner selbst bewußt. Bewußtsein bedeutet aber, verwundbar und preisgegeben zu sein.

Er wird zur Wahrheit und Echtheit gezwungen. Vielleicht entdeckt man, daß man aufbrechen und neue Wege wandern muß. Das ist eine Erkenntnis, die die freimaurerischen Rituale wecken können.

 Versucht die Religion, ein Gottesbild und einen bestimmtem Weg aufzuzeigen, so bietet die Freimaurerei die Möglichkeit, einen Weg zu einem persönlichen Gottesbild und zur Religion überhaupt zu finden, ohne selbst Religion zu sein.

Mit dieser Formulierung ist gleichsam die äußerste Ausweitung des Glaubensbegriffes beschrieben, um unter diesem Männer der verschiedensten Religionen, insbesondere des Christentums, des Judentums und des Islam, sowie der jeweiligen konfessionellen Bekenntnisse brüderlich zusammenfassen zu können. Die Deutung des symbolischen Begriffs "g.B.d.g.W." wird jedem einzelnen Mitglied freigegeben. Fest steht nur, daß Gottleugner nicht Freimaurer sein können.

 Freimaurerei kennt kein Dogma, keine feststehenden Lehrsätze. Niemandem wird vorgeschrieben, was er zu denken und zu glauben und welches Lebensziel er anzustreben hat. Das setzt sich jeder einzelne Freimaurer selbst. Die Freimaurerei will ihn nur lehren, dass es notwendig ist, ein Lebensziel zu haben und wie er es erreichen kann. Freimaurer legen Wert auf Zusammenschließen, auf das Verbindende, auf das Einigende, und sie suchen mit ihren Mitteln über alles Trennende in der Gesellschaft und unter den Völkern hinwegzuhelfen.

Darum sind in den Logen auf der ganzen Welt Streitgespräche über Politik und Religion, insbesondere über Parteipolitik und Konfessionen untersagt.

 Der Freimaurerbund hat ein doppeltes Sein: eines in dem neutralen und geschützten Bereich der Loge, wo die Brüder gemeinschaftlich Werte in sich aufnehmen, und ein anderes auf dem "Kampfplatz" des Alltagslebens, wobei er allerdings nur auf die Gesinnung einwirkt und Grundsätze vermittelt, ohne deren Anwendung vorzuschreiben. Auf dem alltäglichen Kampfplatz des Lebens handeln die Freimaurer daher nicht geschlossen als organisierte Macht, sondern als einzelne Staatsbürger in völlig eigener und freier Verantwortung.

 Die Freimaurerei ist eine Schöpfung der Völker des christlich-europäischen Kulturkreises. Den Schritt zu den farbigen Völker und den Bekennern nichtchristlicher Religionen hat sie nur zögernd vollzogen.

Die Überwindung der kulturellen und religiösen Grenzen, ja auch die der Hautfarbe, zwischen den Völkern bleibt noch immer eine wichtige Aufgabe. Aber das ist möglich, wie die Überwindung des Trennenden in den Logen für möglich gehalten wird. Die Freimaurer kennen eine Kraft, die das möglich macht; sie ist eines ihrer Geheimnisse, vor denen die Öffentlichkeit eine gewisse Scheu hat. Und doch ist dieses Geheimnis das Einfachste und Natürlichste, das uns das Leben gegeben hat: Es ist die Kraft der Liebe. Sie bewirkt neues Leben, diese Liebe zu den Brüdern in der Loge, die dem Freimaurer bei seiner Aufnahme zur vornehmsten Pflicht gemacht wird, und die als Bruderliebe ständiger Übung bedarf. Diese Liebe ist aber nicht nur eine Pflicht, sondern sie ist ein tiefes Erlebnis, das vor Augen geführt, als leuchtende Wahrheit gezeigt und eingeprägt wird.

 Die Liebe erstreckt sich nicht nur auf den Kreis der Logenmitglieder, die den neu Aufgenommenen umgeben. Sie dehnt sich aus auf alle Menschen der persönlichen Umgebung, ja auf die ganze Menschheit. Freimaurer wollen zur Humanität führen.

Humanität ist für sie vor allem ein Erziehungsbegriff, der die Forderung einschließt, dass der Mensch sich zum Menschen erziehen muß. Dieses Menschenbild will Menschen mit dem Herzen zusammenführen, sie zu Brüdern machen und die Gegensätze der materiellen Interessen, die Gegensätze der intellektuellen Überzeugungen in einer höheren, nur von der Bruderliebe geahnten Einheit aufzulösen.

 Für die Freimaurer werden die Gegensätze des Lebens bedeutungslos. Das ist gerade von kirchlicher Seite mißverstanden worden. Der einzelne Freimaurer kann und soll Mitglied seiner Religionsgemeinschaft oder Kirche und Anhänger der betreffenden Glaubenssätze und Dogmen sein und bleiben. Nur in der Gemeinschaft der Loge treten diese Gegensätze in den Hintergrund, sie sollen die Gemeinschaft der Brüder nicht belasten. Der Freimaurer glaubt an eine Einheit der Menschen, an die Einheit des Seins als die Schöpfung des d.g.B.d.g.W. Aber es fällt ihm nicht ein, die Unterschiede zu beseitigen. Das Geheimnis von der Maurerarbeit bewahrt ihn davor. Wie die Bauglieder des Tempels von unterschiedlicher Gestalt, Größe und Funktion sind, so verhält es sich auch im Leben der Menschen und der Völker zu einander. Eine völlige Gleichartigkeit wäre das Ende des Leben.

 

III. Die Situation der Freimaurerei zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

 Fast überall in der Welt sind die Mitgliederzahlen der freimaurerischen Großlogen rückläufig. Die gilt auch für Deutschland. Das Bild ist aber sehr unterschiedlich. Manche Johannislogen sind stark und haben keine Nachwuchssorgen, während andere in den letzten 15 Jahren die Hälfte ihres Bestandes verloren. Dreiviertel der rund 160 anerkannten Großlogen in der Welt melden seit langem ebenfalls rückläufige Mitgliederzahlen, allen voran die USA. Dort kämpfen alle 51 Großlogen mit 2,5 % jährlichem Mitgliederrückgang. Allein seit 1996 verkürzte sich die Bruderkette in den USA um 250.000 Glieder und liegt damit unter zwei Millionen Brüder.

 Es drängt sich die Frage auf, ob es da nicht eine gemeinsame Ursache gibt bei jenen über 120 Großlogen in der Welt, die seit langen Jahren Mitgliederrückgänge verzeichnen trotz zunehmender Bevölkerung? Wäre es nicht denkbar, daß der Mitgliederschwund zum Teil auf die gleichen Widerstände oder eine gewisse Art Wettbewerb zurückzuführen ist?

Die Sozialwissenschaften sowie die Forschung auf dem Gebiete der Non-Profit-Organisations haben sich mit Entwicklungen dieser Art seit langem intensiv beschäftigt. Die Gruppe der sogenannten "Sinnstifter", also Kirchen, Sekten und Missionen, Freimaurer, Rotarier, Lions und Druiden sowie unzählige sog. Idealvereine waren Objekte wissenschaftlicher Untersuchungen, die dann in methodische Gestaltungshilfen mündeten. Man erforschte also organisierte Gesellschaftsteile, deren Ziel es ist, in irgendeiner Form und Weise geistige Erkenntnisse und Lebenshilfe anzubieten – entweder allen Menschen, oder nur bestimmten demoskopischen Zielgruppen, wie z.B. "freie Männern guten Rufes" bei der Freimaurerei.

 Zwischen den Sinnstiftern bestehen zwar zum Teil ganz erheblich Unterschiede, sie alle haben aber genau die selben existenziellen Bedürfnisse, nämlich Mitglieder, die ihnen Zeit, Geld und ehrenamtliche Mitarbeit zur Verfügung stellen! Sie benötigen jeweils eine Mindestzahl solcher Mitglieder für ihre bloße Existenz, aber je mehr sie haben, desto besser können sie ihre Ziele, also ihren eigentlichen Existenzzweck erfüllen und damit in die Gesellschaft hinein wirken. Das Fatale an der heutigen Situation im Vergleich zu der vor 100 oder 200 Jahren ist nun die Tatsache, daß die Zahl der Sinnstifter inzwischen ganz beträchtlich gestiegen ist und ihr Mitgliederbedarf noch sehr viel mehr. Dadurch entsteht zwangsläufig eine Wettbewerbssituation aller untereinander bzw. gegeneinander!

Erschwerend für die sinnstiftenden Organisationen tritt hinzu, daß es noch unzählige Freizeitverzehrer ganz anderer Kategorien gibt, von denen hier nur stellvertretend das Fernsehen erwähnt werden soll. Das Überangebot der Freizeitfüller nimmt den Sinnstiftern zwar nur selten Mitglieder weg, wohl aber deren disponible Freizeit.

Damit greifen sie direkt in den Faktor Zeit als existenziellem Bedürfnis der Sinnstifter ein und werden so zu zusätzlichen Wettbewerbern um die Freizeit der Menschen.

 Die Gewinnung von Mitgliedern und damit von Beitragszahlern reicht aber heute längst nicht mehr aus: Alle Sinnstifter müssen permanent weiter kämpfen um die Freizeit und ehrenamtliche Mitarbeit ihrer Mitglieder, besonders jener wenigen, die eine wirkliche Befähigung für Leitungsaufgaben besitzen. Zeit und Kräfteeinsatz jedes Mitglieds irgendeiner Institution für Sinnstiftung sind Variable, deren Volumen im Wesentlichen durch Motivation bestimmt wird. Und diese setzt sich immer aus einer Erwartungs- und einer Überzeugungskomponente zusammen. Leitende Sinnstifter, die diesen Mechanismus beherrschen, haben weder unlösbare Nachwuchs- noch Mitarbeitsprobleme. Sie können sich ganz auf die eigentliche Aufgabe der Sinnstiftung konzentrieren. Es ist meine Erfahrung, dass hierbei die wichtigste Komponente eine gelebte und ehrliche Bruderliebe in der Loge ist. Neu aufgenommene Brüder haben erklärt, entscheidend für ihren Entschluss zum Eintritt in die Loge seien nicht die interessanten Gespräche gewesen, sondern der Umgang der Logenbrüder miteinander und die Atmosphäre in ihrem Kreis bei den Gästeabenden. Offenbar hat das die Erwartung erfüllt und überzeugt.

Rekrutierungsquelle aller Sinnstifter ist die Bevölkerung, adressiert als Öffentlichkeit. Und diese hat nun zu allem Überfluß noch eine völlig neue Dimension erhalten, das Internet, in dem nur noch eines zählt und Erfolg haben kann: Hochkarätige Professionalität! Wir Freimaurer stehen also in einem starken Wettbewerb. Gerade aber das Internet ermöglicht in rasant steigendem Maße den Zugang auch der Logen zur Öffentlichkeit. Im Gegensatz zu den Printmedien und dem Fernsehen kann sich eine Johannisloge hier ihren eigenen Zugang zu Öffentlichkeit schaffen. Das Interessante dabei ist, dass mit dem Internet tendenziell jüngere Bevölkerungsschichten erreicht werden. Wir haben das in meiner Johannisloge seit zwei Jahren mit gutem Erfolg in Angriff genommen. Unsere Website wird tausendfach nachgefragt. Im vergangenen Jahr haben wir bei insgesamt fünf Aufnahmen in zwei Fällen den ersten Kontakt über das Internet geknüpft.

Die Freimaurerlogen haben im Wettbewerb noch ein anderes Handicap: anders als die meisten Sinnstifter und auch als Lions und Rotarier, die beginnen in einzelnen Clubs auch Frauen aufzunehmen, schließt die Freimaurerei noch immer und konsequent die Hälfte der Menschheit aus: die Frauen. Es ist nicht mehr ausreichend, sie regelmäßig in besonderen Veranstaltungen einzubeziehen und sie dann "Schwestern" nennen.

 Ein freier Mann von gutem Ruf, vernunftbegabt und mit dem Herzen auf dem rechten Fleck wird allen Frauen als ihm Gleichberechtigte und Gleichwertige in Gottes Schöpfung begegnen, d. h. daß jeder Frau das gleiche Recht und der gleiche Wert wie dem Mann zusteht. In ihrer Gleichwertigkeit gebührt ihr Respekt, Achtung und Liebe. Andererseits ergibt sich gerade aus der Unterschiedlichkeit für Mann und Frau die beglückende Chance einer Partnerschaft. Diese setzt aber voraus, daß beide sich ihres Wertes in dieser Welt, oder – wie die Freimaurer sagen – sich ihrer Gotteskindschaft bewußt sind. Beide müssen also zu sich selbst finden. Dazu dient den Freimaurern die "Arbeit" in der Loge. Es ist hierfür notwendig, daß Männer dabei unter sich sind. Dazu sollte sich die Loge offen bekennen. Es hat in der Geschichte entsprechende Wege für Frauen gegeben. Wie Frauen diese "Arbeit" heute leisten können, müssen sie selbst herausfinden. Ob sie ihrer bedürfen, kann von Männern nicht entschieden werden. Die Freimaurerei kann sich als Männerbund keinesfalls anheischig machen, hierfür Ratschläge oder gar Vorschriften zu machen. Gleichwohl, so denke ich, muss die Freimaurerei wie andere Sinnstifter auch, die sog. "Frauenfrage" glaubwürdig beantworten. Möglichkeiten dazu sind durchaus gegeben, ohne die obigen Grundsätze zu verlassen, oder ihre Anerkennung durch die Großloge von England zu gefährden.

 

IV. Neue Ethik oder alte Werte

 Viel wird in unserer Zeit darüber gesprochen, dass wir eine neue Ethik benötigen. Geredet wird darüber, wie eine solche Ethik sich begründen ließe, wie man sie anwenden könne, aber nichts hört man darüber, welche Bedingungen zu einem ethisch richtigen Handeln führen. Es wird die Entwertung der Werte, der Verlust von Verbindlichkeit beklagt. Doch es scheint auch, dass diese Diskussion der ethischen Normen an die Stelle ihrer selbstverständlichen und stillen Geltung getreten ist. Unsere Alltagserfahrung ist, dass je mehr ein Mensch über Moral redet, um so weniger folgt er ihr. Wer untersuchen muss, was sittlich sei, ist nicht länger sittlich. An die Stelle vernünftiger Handlungsnormen treten Sozialtechniken, die es erlauben, sozial erwünschtes und für den einzelnen brauchbares Verhalten auszuformen und zu verwirklichen. Die Religion wird zum sozialen Ritual. Geld ist Bewertungsgrundlage des Erfolgs und die Massenmedien verwischen jegliche Unterschiede. Die Globalisierung predigt uns die postmoderne Beliebigkeit.

 Die Frage ist berechtigt, ob die Sozialtechniken möglich machen, was Ethik fordert und Moral versucht. Die Ethik der Verantwortung hat bei den Freimaurern eine besondere Bedeutung.

Wer Freimaurer ist, hat Verantwortung übernommen, Verantwortung für sich selbst und für seine Brüder, aber auch Dritten gegenüber beginnend bei seiner Familie und noch nicht endend gegenüber seinen Freunden, Arbeitskollegen und Bekannten.

 Freimaurer versuchen sich zu gestalten, indem sie Tugenden üben wie z. B. die Mäßigkeit, die Barmherzigkeit, die Verschwiegenheit und die Vorsichtigkeit, die wir gewöhnlich als die "vier Meistertugenden" bezeichnen. Wieder ist es die moderne Wissenschaft, die uns lehrt, was wir Freimaurer längst wissen.

Man kann sich nicht vornehmen, tugendhaft zu leben. Der Willensentschluss dazu reicht nicht. Ein ständiges Üben, immer von Neuem, ist notwendig. Dazu ist außerdem wegen der Gefahr des Selbstbetruges die begleitende Kritik durch vertraute Personen unabdingbar. Deshalb ist die Freinaurerei eine Bruderschaft, und deshalb ist uns die Bruderliebe so wichtig.

Schließlich muss aus dieser Bruderliebe die Liebe zu allen Menschen erwachsen: die Humanität. Es reicht eben nicht, eine weltweite Koalition gegen den Terrorismus zu bilden, solange es keine Koalition gegen den Hunger in der Welt gibt, solange täglich 100 000 Menschen Hungers sterben, alle 7 Sek ein Kind, solange alle 6 Min. ein Kind erblindet, weil es zu wenig Vitamin A bekommt. Also während wir heute bei dieser Veranstaltung beisammen sind, sterben mehr als 1000 Kinder an Unterernährung. Und das obwohl die Erde problemlos alle Menschen ernähren kann. Es gibt keinen Nahrungsmittelmangel nur ein Verteilungsproblem!

Die Globalisierung gibt zwar vor die Menschen zu befreien, aber sie dereguliert nur, sie schafft alle geltenden Regeln ab, macht alles gleich, zielt auf eine große Vereinheitlichung als Idealzustand ab, beseitigt alles Spezielle und Besondere, alle Kultur und vernichtet jeden nicht in Geld zu messenden Wert. Sie reduziert alle Regel auf das Gesetz des Marktes.

Dem setzen die Freimaurer die uralten Werte der Tugenden in der Verantwortung vor Gott und den Menschen entgegen. Können Sie sich, meine Damen und Herren, vorstellen, was es bedeutet, in unserer geschwätzigen Welt der Handys, des Fernsehens und des Internet, einen Menschen zu haben der schweigen und zuhören kann, der sich zurücknimmt und Sie zum Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit macht?! Das meinen wir mit Barmherzigkeit und Verschwiegenheit. Aber über die Nächstenliebe hinaus ist in der sich weiter globalisierenden Welt von Bedeutung, ob es uns gelingt auch eine "Fernstenliebe" zu entwickeln. Wir Freimaurer nennen das Humanität und Toleranz.

Ich danke Ihnen, dass Sie mir so lange zugehört haben.